Der Tod einer Idee

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Auch wenn es abgedroschen und eher nach abzockendem Fussballprofi klingt: Fussball ist ein sehr schnellliebiges Geschäft.
Ein Fussballspiel ist ein Ereignis, dass seit Jahrhunderten jeden Tag unzählige Male an unzähligen Orten der Welt ausgetragen wird. 90 Minuten, ein paar Tore, Abpfiff. Damit hat es sich meistens.
Danach fristet es im Normalfall ein Dasein als ein bloßes Ergebnis und ein Statistikeintrag: wie hat Bayern noch mal am 3. Spieltag 1974 gespielt? Ah, ok, 2-1. Weiter gehts.
Damit das Fussballvolk sich an ein Fussballspiel Jahre oder sogar Jahrzehnte danach noch erinnert, muss dieses also etwas Besonderes an sich gehabt haben. Das Duell Brasilien gegen Italien bei der WM 1982 ist eine solche, unvergessene Partie, über die immer wieder geredet wird, und die gemeinhin als bester Spiel der WM-Geschichte bzw. sogar als bestes Spiel aller Zeiten gilt. Warum eigentlich? Was war an diesem Spiel so besonders? Ein Blick zurück:
Die Konstellation vor dem Spiel
Bei der WM 1982 wurde zum ersten und einzigen Mal eine Zwischenrunde durchgeführt. Drei Mannschaften trafen in Gruppen aufeinander, der Erste der Gruppenphase war für das Halbfinale qualifiziert. Brasilien und Italien waren mit Argentinien in der Gruppe C, hatten beide jeweils Argentinien besiegt und trafen im letzten Spiel aufeinander. Der brasilianischen Elf lag zu diesem Zeitpunkt die Fussballwelt zu Füßen, das Team um die beiden Stars Socrates und Zico hatte sich zuvor durch überlegene Spielweise und hohe Siege durch das Turnier gezaubert und in vier Spielen 13 Tore erzielt. Aufgrund des besseren Torverhältnisses hätte den Brasilianern ein Unentschieden gegen Italien gereicht.
Italien hatte in der Gruppenphase dreimal nur Unentschieden gespielt und sich gerade so für die Zwischenrunde qualifiziert. Hinzu kamen einige Turbulenzen im Verlauf des Turniers: Es gab Gerüchte, dass der letzte Gruppengegner Kamerun mit 200.000 Dollar von italienischer Seite geschmiert worden sein soll. Aus Verärgerung darüber traten die Spieler in einen Interviewstreik. Stürmer Paolo Rossi war vor der WM nach einem Wettskandal zwei Jahre lang gesperrt, erzielte bis zu dieser Partie keinen einzigen Treffer und wurde heftig kritisiert, und nach den dürftigen Leistungen in den Gruppenspielen wurden die Spieler von dem mitgereisten Fans mit Dosen beworfen.
Italien stolperte sich demnach irgendwie durch das Turnier, Brasilien war in jedem Spiel überlegen und begeisterte mit attraktivem Fussball.
Brasilien war also haushoher Favorit in einem entscheidenden Spiel.
In der C-Jugend spielten wir mal als Tabellenführer am letzten Spieltag beim Vorletzten und vermasselten die Meisterschaft. Wir waren auch haushoher Favorit. Das Spiel hatte aber ansonsten nichts Besonderes oder Historisches. Das alleine reicht also noch nicht.
Das Spiel an sich
Als Fussballrookie hat man es schon schwer. Da hört man als Fussballbegeisterter immer wieder von großen Spielern und Spielen der Vergangenheit und kann irgendwie nicht viel mit ihnen anfangen, da man selber zum Zeitpunkt des Geschehens nicht live dabei war. Der Vater erzählt von irgendwelchen Fussballmythen und Wunderspielen aus der Vergangenheit, und man denkt sich: “Hmm ja, ist ja ganz cool und so, aber gleich spielt Barca.” Wer weiß denn von uns Jungspunden eigentlich, warum Franz Beckenbauer sich im Fernsehen über jedes Spiel unter Sonne auslassen darf, und warum wir immer und sofort über die neueste Schnecke von Lothar Matthäus informiert werden? Eben, die müssen irgendwann mal sehr guten Fussball gespielt haben. Haben wir Youngster aber nicht live gesehen.
Dasselbe Dilemma bietet sich nun bei der Partie Brasilien-Italien. Was macht also ein neugieriger Vertreter der Youtube-Generation? Genau. Er schmeißt Youtube an. Und siehe da, Youtube spuckt eine Zusammenfassung der Partie raus.
Zu sehen ist eine torreiche, umkämpfte Partie. Die Italiener schocken den Gegner durch ein frühes Tor durch Rossi in der fünften Minute, doch Brasilien antwortet kurz darauf mit einem wunderbar herausgespielten Tor durch Socrates, der einen schönen Pass von Zico vollendet. Rossi bringt Italien noch in der ersten Halbzeit durch einen Abwehrfehler Brasiliens erneut in Führung, auch diese wird aber erneut durch ein Traumtor ausgeglichen: Falcao lässt mit einem angetäuschten Pass drei Gegenspieler ins Leere laufen und vollendet dann mit einem Knaller unter die Latte.
Es steht nun 2-2, Brasilien steht mit diesem Ergebnis im Halbfinale. Kein Grund für die Sambakicker, einen Gang bzw. auf Defensive herunterzuschalten. Socrates sagte später: “Wir wollten weiterhin ein Spektakel bieten, auch wenn uns ein Unentschieden gelangt hätte. Man mag das dumm nennen, aber wir konnten nicht anders.” Also wird auch nach dem Ausgleich weiter nach vorne gespielt und der Sieg gesucht. Paolo Rossi aber spielt nicht mit und bestraft den Offensivdrang mit der Vollendung seines Hattricks in der 74. Minute. Brasilien stürmt noch einmal heran und drängt auf einen dritten Ausgleich, findet aber im damals 40-jährigen Dino Zoff, seinen Meister. Italien siegt und holt sich später den Weltmeistertitel, Brasilien scheidet aus.
Es hatte also einiges zu bieten, dieses Duell in der Sommerhitze von Barcelona vor 28 Jahren, Dramatik, schöne Tore, eine (am Ende gescheiterte) Aufholjagd. Das ist schon mal ziemlich beeindruckend und überzeugend. Doch all das war in vielen anderen Spielen auch schon zu sehen. Warum gilt denn nicht die Aufholjagd der Türkei gegen Tschechien bei der EURO 2008, als ein 0-2 in 14 Minuten in ein 3-2 umgewandelt wurde, als bestes Spiel der Geschichte? Nee, sorry. Bestes Spiel aller Zeiten, das ist schon ne Hausmarke. Den Titel vergebe ich nicht so schnell, nicht so einfach. Da bin ich ganz der schwer-zu-begeisternde-Jungspund. Da muss mehr kommen. Auf zum nächsten Kriterium.
Die brasilianische Jahrhundertelf
Bestes Spiel ever ist nicht die einzige Superlative, mit der dieses Spiel aufwarten kann, denn die Elf um Socrates gilt bis heute neben der Auswahl von 1970 als die beste brasilianische Mannschaft aller Zeiten. Nachdem die Mannschaft zuvor durch das Turnier spaziert war, wurde Italien in Brasilien nur als lästiges Hindernis auf dem Weg zum großen Triumph gesehen. Der Staatspräsident hatte schon den Empfang der Kicker nach dem Weltmeistertitel geplant, die Sambakapellen in Rio probten schon mal für die Siegesfeier. Und dann der Schock. Als Rossi, der in Italien “Engelsgesicht” genannt wird, die Brasilianer aus dem Turnier schoss, stürzte er ein ganzes Land in die kollektive Depression. Die Enttäuschung war unendlich groß und nahm unglaubliche Formen an: Fernseher wurden aus den Fenstern geschmissen, eine junge Frau schnitt sich die Pulsadern auf, ein 20-jähriger beging sogar Selbstmord durch Kopfschuss. In Brasilien wird Rossi bis heute “Engel Luzifer” genannt.
Eine Jahrhundertauswahl, die in einem packenden Fight durch einen Hattrick eines zuvor erfolgslosen Stürmers besiegt wird und damit eine ganze Nation in riesiges Entsetzen und Trauer versetzt. Ich glaube, wir kommen dem ganzen auf die Spur.
Der Kampf der Philosophien
Jackpot. Denn Brasilien gegen Italien, das war ein Duell der Gegensätze, die so krass waren, dass das Spiel und das Ergebnis die weitere Entwicklung des gesamten Fussballs beeinflussen sollten.
Seit den 50er Jahren, als der Catenaccio in Italien eingeführt wurde, stand aus italienischer Sicht die Defensive über allem. Der damalige Trainer Enzo Bearzot beschrieb die Spielweise seiner Mannschaft folgendermaßen: “Bei uns ist jedes Tor ein Weltwunder.”
Auch damals schon standen italienische bzw. europäische Mannschaften für die Defensive und den schnörkellosen Fussball, mit dem Inter Mailand vor kurzem den FC Barcelona hinausverteidigte. Zuerst der Erfolg, dann die Schönheit – wenn überhaupt. Hauptsache Erfolg. Damit standen die Mannen um Altmeister Dino Zoff in der Partie gegen Brasilien stellvertretend für den ganzen europäischen Ergebnisfussball.
Die brasilianische Mannschaft von 82 aber definierte sich mehr als jede andere zuvor oder danach über schönen Fussball. Mit den Ausnahmekönnern Sócrates, Zico, Falção, Cerezo und Éder verfügte man über eine alles überragende Offensive, und mit Telé Santana hatte man den richtigen Trainer, um es nutzen zu können. Denn Santanas Wunschvorstellung von Fussball war, dass jedes Spiel für Spieler und Zuschauer eine Show sein sollte, immer mit dem höchsten Ziel, ein Tor zu erzielen.
Die Kombination aus Talent und offensivfreudigem Coach war die Grundlage für den begeisternden brasilianischen Fussball, den “futebol arte”. Die Akteure hatten in der Offensive alle Freiheiten und wirbelten die Abwehrreihen mit schnellem Kurzpassspiel und herausragender Technik durcheinander. Mit der eigenen, schönen Spielweise wollte man sich zudem vom trockenen, ergebnisorientierten Fussball aus Europa abgrenzen und den Europäern die Stirn bieten. “Von taktischem Geplänkel halte ich gar nichts. Es lebe der schöne Fussball.” so Kapitän Socrates.
Die Tatsache, dass diese zwei so unterschiedlichen Spielphilosophien in einem entscheidenden WM-Spiel vor den Augen der Weltöffentlichkeit aufeinandertrafen, gab dem Spiel eine eigene, sehr große Bedeutung.
Es sollte die Antwort auf die Frage liefern, welches fussballerische Mittel denn nun das Beste für den Erfolg ist: Offensive oder Defensive? Schöner Fussball oder safety first? Brasilien oder Italien?
Das die Brasilianer an Italien scheiterten und damit der berechnende Fussball über den begeisternden triumphierte, führte zu einem radikalen Umdenken in der Fussballwelt.
Zico sagt heute über die Bedeutung der großen Niederlage: “Wir waren die beste Mannschaft des Turniers und hatten den Sieg verdient. Unsere Niederlage war schlecht für den Weltfussball, denn wenn Brasilien 1982 gewonnen hätte, hätte sich der Fussball zum Positiven geändert.” Die Elf von 82 wurde und wird zwar für ihre spektakuläre Spielweise gefeiert von gilt bis heute zwar als die beste Mannschaft, die den Titel nicht holen konnte, wird für ihre Naivität aber belächelt. Italien hingegen hatte mit seiner Spielweise den Titel geholt und der italienische Konzeptfussball galt von nun an als modern und der Weg zum Erfolg. Selbst der brasilianische Fussballverband kam nach dem Turnier zum Entschluss, dass der “futebol arte” gescheitert sei. Also passte man die Spielphilosophie und gewann den nächsten Weltmeistertitel 1994, erneut gegen Italien, durch unspektakulären Fussball und ein Elfmeterschießen nach einem torlosen Finale. Derselbe Socrates, der eben in einer Aussage noch den schönen Fussball feierte, sagte Jahre nach der Trägodie von Barcelona: “Unser Ausscheiden war das Ende einer Idee.”
So, jetzt haben wir so ziemlich alle Kriterien durch, die für die Beantwortung der Frage, ob das Spiel zwischen Brasilien und Italien wirklich das beste Fussballspiel aller Zeiten ist, in Frage kommen. Und wenn man alle gemeinsam betrachtet, wenn man das Spiel als Ganzes, seinen dramatischen Verlauf, seine immense Bedeutung für beide Seiten und vor allem seinen Einfluss auf die Entwicklung des Fussballs sieht, dann muss man, auch als verwöhnter Jungspund, der mit den fernen Ereignissen aus der Vergangenheit meistens nicht viel anfangen kann, einfach sagen: das Spiel war ein Besonderes.
Schade, dass wir nicht dabei waren.
Schlagwörter:Brasilien gegen Italien, Enzo Bearzot, Italien Weltmeister, Paolo Rossi, Socrates, Tele Santana, WM 1982, Zico



[...] im Verein. Zico, Socrates, Falcão, Junior. Auch sie waren Teil einer goldenen Generation. Die 1982 und 1986 nicht einlösen konnte, was sie versprochen hatte. In Kroatien ist man genügsamer. Die [...]